In diesem Beitrag: Polkadots im Vorbeifahren – Yayoi Kusama in Taipeh
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Anfang 2025, während unserer Reise um die Welt, hatte Taipeh eine dieser kleinen, perfekten Überraschungen für uns parat. Wir saßen in der S-Bahn Richtung Stadtrand – hinaus in die nahegelegenen Waldgebiete – als draußen plötzlich etwas Ungewöhnliches auftauchte: Hinter den Glasflächen eines Gebäudes schoben sich riesige rötliche Formen ins Blickfeld, übersät mit schwarzen Punkten. Für einen Moment war es, als hätte jemand einen überdimensionalen, lebendigen „Polkadot“-Organismus in die Architektur gesetzt.
Wir rätselten, was wir da gerade gesehen hatten. Karin sagte fast sofort: „Das erinnert mich an Yayoi Kusama.“ Und zack – war Naoshima wieder da: die japanische Kunstinsel in der Seto-Inlandsee, auf der uns Kusamas Welt schon einmal erwischt hatte. Diese Mischung aus kindlicher Klarheit (Punkte!) und radikaler Konsequenz (Punkte überall!) – und natürlich die unvergesslichen Kürbisskulpturen, die sich wie fremde, freundliche Wesen ins Landschaftsbild einschreiben.
Aber stammten diese roten Gebilde in Taipeh wirklich von Kusama?
Eine kurze Internetrecherche gab uns den entscheidenden Hinweis: Im Museum of the National Taipei University of Education lief tatsächlich eine Yayoi-Kusama-Ausstellung – zeitlich so gelegen, dass wir sie noch in unseren Reiseplan schieben konnten, kurz vor dem Weiterflug nach Tokio. Und das taten wir. Zum Glück.
Wer ist Yayoi Kusama – und warum sind es immer wieder Punkte?
Yayoi Kusama wurde 1929 in Matsumoto (Nagano) geboren. Schon als Kind zeichnete sie – und beschrieb früh intensive visuelle Halluzinationen: Muster, Netze, Punkte, die sich über Dinge legen, sie überziehen, sie „verschlucken“. Aus diesem Erleben entwickelte sich später eine der konsequentesten Bildsprachen der Gegenwartskunst: Polkadots und „Infinity Nets“ – endlose Netze und Wiederholungen, die Grenzen auflösen und aus dem Einzelnen ein Feld machen.
Als junge Künstlerin ging sie Ende der 1950er Jahre in die USA, erst nach Seattle, dann nach New York. Dort wurde sie Teil der Avantgarde: Malerei, Skulpturen, Aktionen, Performances – oft körperlich, provokant, spielerisch und zugleich unerbittlich in der Wiederholung ihrer Motive. Später kehrte sie nach Japan zurück. Seit den späten 1970ern lebt sie (freiwillig) in einer psychiatrischen Einrichtung in Tokio und arbeitet weiterhin täglich in einem nahegelegenen Atelier – mit einer beeindruckenden Disziplin und Produktivität.
Ihre Punkte sind dabei nicht einfach Dekor. Kusama selbst beschreibt Kunst als eine Art Überlebensstrategie: ein Weg, Angst, Schmerz und innere Unruhe in Form zu bringen – und zugleich in etwas zu verwandeln, das für andere begehbar wird.
Taipeh: Skulptur als Begegnung – und ein Material, das man mitnimmt
In der Ausstellung in Taipeh hat uns genau diese Mischung gepackt: Leichtigkeit und Ernst, Pop und Abgrund, Humor und Konsequenz. Und dann dieser Moment der Wiedererkennung: Was wir zufällig aus dem Zugfenster gesehen hatten, war kein „Werbe-Gag“ oder bloß ein großes Designobjekt – es war Kusamas Denken in Form.
Natürlich kauften wir den Ausstellungskatalog. Und der war – passend zu Kusama – selbst schon ein Objekt: Der Einband bestand aus genau dem Material, aus dem diese riesigen, aufgeblasenen roten Formen mit ihren Polkadots gefertigt waren. Man nimmt also nicht nur Bilder mit, sondern ein haptisches Echo der Installation. Wirklich cool.
Von Taipeh zurück nach Naoshima – Kürbisse als Erinnerungsspeicher
Seit Naoshima verbinden wir Kusama vor allem mit ihren Kürbissen. Dort sind sie längst Teil der kollektiven Reise-Erinnerung geworden: ein Symbol der Insel, fest im Blick der Besucher verankert – Kunst, Landschaft und Meer in einem einzigen, ikonischen Bild (Benesse Art Site).
Und genau das war das Schöne an Taipeh: Es war keine Wiederholung, sondern eine Erweiterung. Nicht der Kürbis am Pier, sondern die „Polkadot“-Welt im urbanen Vorbeifahren. Ein Zufallsfund, der sich als Türöffner entpuppt – und uns, für ein paar Stunden, in Kusamas Universum katapultiert hat, bevor es weiterging nach Tokio in Japan, Kusamas Heimat.