Zwischen Abgrund und Verschränkung

In diesem Beitrag: Zwischen Abgrund und Verschränkung

Region

Die Fundación Antonio Pérez in der Altstadt von Cuenca

Bei unserem ersten Rundgang durch die Altstadt von Cuenca geschah etwas, das man nicht planen kann:
Eine hell erleuchtete Tür im ehemaligen Convento de las Carmelitas Descalzas stand offen. Neugierig traten wir ein – und fanden uns unvermittelt in einer der eindrucksvollsten Kunstsammlungen Spaniens wieder: der Fundación Antonio Pérez.

Was von außen unscheinbar wirkt, entfaltet im Inneren eine erstaunliche Kraft. Die historischen Klosterräume tragen eine Sammlung, die weder museal glatt noch didaktisch gezähmt ist. Stattdessen entsteht ein Dialog zwischen Architektur, Sammlung und Betrachter – intensiv, manchmal fordernd, oft nachhaltig.

 

Rossella Vasta: Entanglements – schwarze Verschränkung

(Frühjahr 2023)

Im Frühjahr 2023 zog uns zunächst die Sonderausstellung „Entanglements“ von Rossella Vasta in ihren Bann.
Ihre finger-painted Arbeiten auf Papier entfalten sich in tiefem Schwarz, dreidimensional wirkend, körperlich präsent. Linien, Spiralen, Verflechtungen – organisch und zugleich strukturiert – erzeugen einen Raum, der weder eindeutig figurativ noch abstrakt ist.

Vastas Arbeiten scheinen sich zu verschränken: Bewegung und Ruhe, Geste und Struktur, Fläche und Tiefe. In dieser Schwebe liegt ihre besondere Stärke. Die Bilder wirken wie Momentaufnahmen eines noch nicht abgeschlossenen Werdens – embryonal, kosmisch, offen.

Schon damals entstand der Eindruck, dass diese Arbeiten nicht zufällig hier gezeigt wurden, sondern in einen stillen Dialog mit der permanenten Sammlung traten.

 

Antonio Saura – der dunkle Kern

(Herbst 2025)

Dieser Eindruck führte uns im Herbst 2025 erneut nach Cuenca – diesmal mit einem klaren Ziel:
Wir wollten uns die Werke von Antonio Saura noch einmal in Ruhe ansehen, konzentriert, ohne den Eindruck des Zufalls, der den ersten Besuch geprägt hatte.

In der SALA Antonio Saura verdichtet sich die Atmosphäre spürbar. Sauras Bilder scheinen sich nicht an die Wände zu halten. Sie drängen nach außen, brechen aus, ziehen den Blick in dunkle Abgründe. Seine Malerei ist nicht dekorativ, sie ist Konfrontation. Schwarz, Grau, Weiß – gelegentlich gebrochen durch Farbe, doch nie versöhnlich.

Besonders eindrücklich sind seine Porträts.
Ob Brigitte Bardot (1959) oder Philipp II. (1967): Hier geht es nicht um Abbild, nicht um Prominenz oder Macht, sondern um Zerlegung. Die Gesichter erscheinen fragmentiert, entstellt, innerlich unter Spannung. Identität wird nicht gezeigt, sondern infrage gestellt. Dass Brigitte Bardot am 28. Dezember 2025 in Saint-Tropez verstorben ist, verleiht diesem Porträt im Rückblick eine besondere Tiefe. Saura zeigt keine Ikone, keinen Mythos, sondern einen brüchigen Menschen – befreit von Glamour, entzogen jeder Vereinnahmung. Gerade darin liegt heute seine stille Würde.

Auch dort, wo Farbe ins Spiel kommt, bleibt sie kontrolliert, fast widerwillig – als würde sie das Dunkel nur kurz aufbrechen dürfen, um dessen Dominanz umso deutlicher zu machen.

Die hier gezeigten Fotografien der Saura-Werke stammen aus diesem zweiten Besuch im Herbst 2025.

 

Ein stiller Dialog über Zeit hinweg

Rückblickend verbinden sich beide Besuche zu einem unerwarteten Bogen:
Die schwarzen, tastenden Verschränkungen von Rossella Vasta aus dem Frühjahr 2023 wirken wie eine zeitgenössische Weiterführung – oder vielleicht eine Antwort – auf Sauras expressive Radikalität, der wir zwei Jahre später erneut begegnet sind.

Wo Saura zerschlägt, verwebt Vasta.
Wo er aufreißt, verdichtet sie.

Beides bleibt ernst, existenziell, körperlich.

Die Fundación Antonio Pérez erlaubt diesen Dialog, ohne ihn zu erklären. Sie lässt den Werken Raum – und den Besuchern ebenso, auch über Jahre hinweg.

 

Fazit

Cuenca besitzt mit diesem Ort ein Kunstmuseum, das nicht nur gesammelt, sondern gedacht ist.
Wer sich auf die Fundación Antonio Pérez einlässt, betritt keinen neutralen White Cube, sondern einen Erfahrungsraum. Einen Ort, an dem Kunst nicht beruhigt, sondern nachwirkt.

Und manchmal so stark, dass man zurückkehrt.

Bild 1: Sala Antonio Saura in der Fundación Antonio Pérez
Bild 2: Antonio Saura (Huesca 1930 – Cuenca 1998) Brigitte Bardot, 1959 Öl auf Leinwand
Bild 3: Antonio Saura (Huesca 1930 – Cuenca 1998) Portrait imaginaire de Philippe II [Retrato imaginario de Felipe II], 1967 Öl auf Leinwand
Bild 4: Antonio Saura (Huesca 1930 – Cuenca 1998) Geraldine dans son fauteuil [Geraldine en su sillón], 1967 Öl auf Leinwand
Bild 5: Antonio Saura (Huesca 1930 – Cuenca 1998) Cocktail Party [Cóctel], 1960 Emaille, Filzstift und Tinte auf Papier
Bild 6: Antonio Saura (Huesca 1930 – Cuenca 1998) De este paraíso II, 1969 Mischtechnik auf Jute (arpillera)
Bild 7: Antonio Saura The King. Plancha 2, 1971 Siebdruck, 69 × 50 cm
Bild 8: Antonio Saura (Huesca 1930 – Cuenca 1998), Baldovineta - Oleo sobre lienza, 130X97 cm, 1963
Bild 9: Rossella Vasta Entanglements (Ausstellungsserie), 2023 Mineralpigmente auf Fabriano Rosaspina Papier 100 × 70 cm
Bild 10: Rossella Vasta Entanglements (Ausstellungsserie), 2