In diesem Beitrag: Die vergessenen Technologien – und warum sie manchmal zurückkehren
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Vorwort
Dieser Text ist nicht als Plädoyer für oder gegen bestimmte Technologien entstanden. Er folgt keiner nostalgischen Absicht und auch keiner technikkritischen Agenda. Ausgangspunkt ist vielmehr eine praktische Beobachtung: dass unterschiedliche technische Verfahren unterschiedliche Formen von Wahrnehmung, Entscheidung und Erfahrung realisieren.
Digitale Fotografie und KI-gestützte Nachbearbeitung haben Bereiche erschlossen, die mit analogen Verfahren kaum oder gar nicht zugänglich waren. In der Sport-, Reportage- oder Bewegungsfotografie lassen sich Momente fixieren, deren zeitliche Präzision und Dynamik analog nicht vorstellbar gewesen wären. Die nachträgliche Analyse großer Bildmengen erlaubt es zudem, mit Hilfe künstlicher Intelligenz den Kern einer Aufnahme freizulegen – das, was vermittelt werden soll.
Gleichzeitig zeigt sich, dass diese Verfahren andere Erfahrungsformen begünstigen als solche, die auf Begrenzung, Materialität und unmittelbare Entscheidung setzen. Für kontemplative Motive – Landschaften, stille Räume, Situationen ohne äußeren Zeitdruck – verändern analoge Verfahren den fotografischen Prozess grundlegend. Ihre technischen Grenzen erzwingen Auswahl, Präsenz und Entscheidung im Moment der Aufnahme. Sie binden Wahrnehmung, Körper und Situation enger aneinander, als es nachträgliche Optimierung leisten kann.
Der Essay geht von dieser Differenz aus. Er beschreibt nicht Technik als solche, sondern Zustände, die durch Technik realisiert oder verlagert werden. Begriffe wie Resonanz, Entropie, Kohärenz und Verschränkung werden dabei nicht theoretisch eingeführt, sondern aus der fotografischen Praxis heraus entwickelt.
Der Text richtet sich an Leserinnen und Leser, die mit Technik arbeiten oder über sie nachdenken und die den Eindruck haben, dass Optimierung nicht in jedem Kontext zu vertiefter Erfahrung führt. Er versteht sich als Beitrag zur Rubrik Neuland des Denkens: als Einladung, Technologien nicht nur nach ihren Ergebnissen, sondern nach den Formen von Erfahrung zu befragen, die sie hervorbringen.
1. Der Moment vor der Aufnahme
Ich stehe vor der Landschaft, noch ohne Bild.
Der Himmel ist klar, ein tiefes Blau, darunter gelbe Felder, die das Licht fast zurückwerfen. Es ist kein flüchtiger Blick, sondern ein Innehalten. Der Sucher hebt sich langsam vor das Auge, nicht um festzuhalten, sondern um zu prüfen. Vordergrund, mittlerer Bereich und Hintergrund treten auseinander. Linien werden sichtbar, die vorher nur diffus vorhanden waren: ein Weg, der in die Szene führt, eine Baumreihe, die den Horizont hält, eine Unruhe am Rand, die stört.
Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Nicht mit der Kamera, sondern mit der Wahrnehmung. Farben werden gegeneinander abgewogen, nicht abstrakt, sondern körperlich: Gelb gegen Blau, warm gegen kühl. Ich verschiebe den Standpunkt minimal, gehe einen Schritt nach links, dann wieder zurück. Der Bildausschnitt wird enger, Unnötiges fällt heraus. Mit jedem Ausschluss wird die Szene ruhiger, geordneter. Die Vielzahl möglicher Bilder schrumpft auf wenige denkbare.
Irgendwann – und dieser Moment lässt sich nicht erzwingen – entsteht eine Übereinstimmung. Das, was ich im Sucher sehe, deckt sich mit dem, was ich innerlich gesucht habe. Die Linien tragen, das Objekt sitzt, der Bildraum ist gespannt, aber nicht überladen. Der Goldene Schnitt ist kein Dogma, sondern eine Stabilität, die sich einstellt. In diesem Augenblick ist nichts mehr zu korrigieren, ohne etwas zu verlieren. Die Szene ist kohärent geworden.
Der Auslöser ist dann fast beiläufig.
Das Bild entsteht nicht im Klick, sondern im Zustand davor.
Mit ihm sind auch Dinge verbunden, die nicht auf dem Film erscheinen werden: die Wärme der Sonne auf der Haut, der Wind, der Geruch der Wiesen, die Stille zwischen zwei Gedanken. All das ist in diesem Moment verschränkt – und genau deshalb nicht reproduzierbar.
2. Resonanz – wenn Innen und Außen zusammenfinden
Was in diesem Moment geschieht, lässt sich als Resonanz beschreiben. Nicht im metaphorischen Sinn, sondern als präziser Abstimmungsprozess. Die Landschaft ist zunächst einfach da – überreich, vieldeutig, voller gleichzeitiger Möglichkeiten. Die innere Vorstellung hingegen ist noch unscharf, eine Suchbewegung. Resonanz entsteht nicht am Anfang, sondern im Verlauf der Annäherung.
Mit jeder kleinen Verschiebung verändert sich das Verhältnis zwischen dem, was gesehen wird, und dem, was gesucht wird. Farben gewinnen Bedeutung erst in Beziehung zueinander. Linien entfalten ihre Wirkung nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel. Resonanz ist kein einzelnes Merkmal des Bildes, sondern ein relationaler Zustand.
Entscheidend ist: Diese Resonanz lässt sich nicht planen. Sie ist weder rein subjektiv noch objektiv gegeben. Sie entsteht zwischen Wahrnehmung und Szene. Der Sucher wirkt dabei nicht nur als Rahmen, sondern als Verdichtungsinstrument. Er zwingt zur Entscheidung. Alles außerhalb verliert an Relevanz. Dadurch gewinnt der Bildraum an Klarheit.
Resonanz markiert den Übergang von bloßer Beobachtung zu Teilnahme. Ich stehe der Landschaft nicht mehr gegenüber, sondern bin in sie eingebunden. Dieser Zustand ist fragil. Er kann nicht gehalten, nur erkannt werden. Sobald er erreicht ist, verlangt er nach Entscheidung.
3. Entropie und Ordnung – warum Fotografieren Auswahl bedeutet
Eine Landschaft ist ein Zustand hoher Entropie. Alles ist gleichzeitig vorhanden: Formen, Farben, Bewegungen, Geräusche, Lichtwechsel. Fotografieren beginnt daher nicht mit dem Aufnehmen, sondern mit dem Reduzieren.
Jede Entscheidung – Standort, Brennweite, Ausschnitt – ist ein Akt der Entropiereduktion. Möglichkeiten werden ausgeschlossen. Ordnung entsteht nicht durch Hinzufügen, sondern durch bewussten Verzicht. Erst durch diese Einschränkung wird das Bild lesbar.
Analoge Fotografie verstärkt diesen Prozess. Das begrenzte Filmmaterial wirkt wie ein permanenter Widerstand gegen Beliebigkeit. Jede Aufnahme zählt. Die Entscheidung kann nicht delegiert werden – weder an Statistik noch an spätere Auswahl. Sie muss im Moment realisiert werden.
Digitale Fotografie verschiebt diesen Punkt. Entropie wird zunächst toleriert oder sogar produziert, um sie später zu reduzieren. Serienaufnahmen ersetzen Entscheidung durch Hoffnung. Ordnung entsteht im Nachhinein. Was dabei verloren geht, ist nicht das Bild, sondern der Zustand, aus dem es hervorgegangen ist.
KI-gestützte Nachbearbeitung verschärft diese Verschiebung. Störende Elemente können entfernt werden, so präzise, dass sich der Bildraum scheinbar schließt. Ordnung wird realisiert, ohne je erfahren worden zu sein. Die KI reduziert Entropie rechnerisch, nicht situativ. Das Ergebnis kann überzeugend sein – doch es ist entkoppelt vom Moment der Entscheidung.
4. Kohärenz – der Punkt ohne Alternative
Resonanz, Entropiereduktion und Entscheidung verdichten sich in einem Zustand maximaler Kohärenz. Kohärenz ist kein Ideal des Bildes, sondern eine Übereinstimmung zwischen Wahrnehmung, Vorstellung, Körper und Situation.
Dieser Zustand ist erreicht, wenn es keine gleichwertige Alternative mehr gibt. Nicht weil alles perfekt wäre, sondern weil jede Veränderung etwas Wesentliches zerstören würde. Kohärenz ist kein Optimum, sondern ein Fixpunkt.
Im analogen Prozess ist dieser Zustand zeitlich gebunden. Er existiert nur im Moment der Aufnahme. Danach zerfällt er. Das Bild bleibt, nicht aber die Kohärenz als Zustand. Gerade deshalb hat der Augenblick der Entscheidung Gewicht. Er ist nicht korrigierbar, nicht delegierbar, nicht rekonstruierbar.
Digitale Prozesse können Kohärenz simulieren. Sie können geschlossene, harmonische Bilder realisieren. Doch diese Kohärenz ist strukturell anders. Sie entsteht aus Anpassung an Modelle, nicht aus Übereinstimmung von Innen und Außen. Sie kennt keine Entscheidung, weil sie keine Alternative hatte.
5. Verschränkung – was im Bild bleibt und was verloren geht
Im Moment maximaler Kohärenz ist das Bild verschränkt mit seinem Entstehungskontext. Wahrnehmung, Körper und Umwelt bilden ein gemeinsames Ereignis. Das Bild ist darin keine Reproduktion, sondern eine Spur.
Wird der fotografische Prozess entkoppelt – durch Serien, Auswahl im Nachhinein oder KI-Rekonstruktion –, löst sich diese Verschränkung auf. Erlebniszeit und Entscheidungszeit fallen auseinander. Das Bild bleibt, der Zustand geht verloren.
Man kann sich erinnern. Man kann rekonstruieren. Doch Erinnerung ersetzt keine Verschränkung. Das Bild wird zum Auslöser von Erinnerung, nicht mehr zum Träger eines gemeinsam erlebten Zustands.
Analoge Verfahren erzwingen diese Verschränkung. Sie sind fragil, aber vollständig. Gerade darin liegt ihre Stärke.
Schluss – Technik, Natur und Erfahrung
Nicht jede Technologie verschwindet, weil sie überholt ist, und nicht jede kehrt zurück, weil sie effizienter wäre. Manche verlieren ihren Ort, weil die Bedingungen, unter denen sie sinnvolle Erfahrung realisieren, nicht mehr gegeben sind. Andere bleiben oder kehren zurück, weil sie Zustände stabilisieren, die in einer beschleunigten Welt fragil geworden sind.
Digitale Verfahren und KI realisieren neue Formen der Analyse, Verdichtung und Sichtbarmachung. Sie verändern jedoch die zeitliche Struktur von Entscheidung und Erfahrung. Resonanz, Kohärenz und Verschränkung werden nicht aufgehoben, sondern verlagert.
Analoge Verfahren wirken unter entgegengesetzten Bedingungen. Ihre Materialität, Begrenztheit und ihr Widerstand zwingen zur Präsenz. Sie liegen näher an den Bedingungen menschlicher Existenz: Endlichkeit, Zeitlichkeit, Körperlichkeit. Wenn wir mit ihnen arbeiten, handeln wir innerhalb unserer Natur. Entsprechend tragen auch die Ergebnisse diese Nähe in sich.
Der Unterschied liegt nicht im Bild, sondern im Zustand, aus dem es hervorgeht.
Was aus Nähe zur menschlichen Natur entsteht, trägt mehr Wirklichkeit in sich als das, was nur optimiert wurde.
Hinweis zur theoretischen Einordnung
Die in diesem Essay verwendeten Begriffe Resonanz, Kohärenz, Entropie und Verschränkung sind Teil der Theorie der Quantenmonaden (Quantum Monads), die auf tenckhoff.eu systematisch ausgearbeitet wird.
Die dort entwickelten Module XQM, VQM, IEQ und XDM bilden den formalen Rahmen der Quantenmonadik (Quantum Monadics), innerhalb dessen die hier beschriebenen Erfahrungen theoretisch verortet werden können.
Der vorliegende Text versteht sich als phänomenologische Annäherung an diese Strukturen aus der Praxis heraus.