Von der Medienbotschaft zur KI-Adressierung

In diesem Beitrag: Von der Medienbotschaft zur KI-Adressierung

Warum wir Glaubwürdigkeit neu denken müssen

Als ich vor rund zwanzig Jahren als Lehrbeauftragter an der Universität Bonn ein Seminar zu Medienwissenschaften eröffnete, begann ich häufig mit einem Satz, der damals beinahe schon sprichwörtlich geworden war. Marshall McLuhan hatte ihn geprägt: „The medium is the message.“

Gemeint war damit nie, dass Inhalte bedeutungslos seien. McLuhan wollte zeigen, dass jedes Medium seine eigene Logik besitzt – eine Struktur, eine Wahrnehmungsform, eine zeitliche und soziale Grammatik –, die den gesellschaftlichen Effekt einer Information prägt, oft stärker als deren konkreter Inhalt. Diese Einsicht bildete den Ausgangspunkt meiner damaligen Lehre. Gemeinsam mit Studierenden untersuchte ich Medienreichweiten, Kommunikationsstrategien und den von Niklas Luhmann beschriebenen Dreischritt von Information, Mitteilung und Verstehen. Wir analysierten, wie sich Botschaften über unterschiedliche Medien hinweg so platzieren ließen, dass sie Wirkung entfalten konnten: einmal über Print, später über Fernsehen, schließlich über digitale Plattformen.

Eine Voraussetzung blieb dabei unhinterfragt: Die Adressaten waren Menschen – oder soziale Systeme, die aus Menschen bestanden.

Dieses Grundaxiom trägt heute nicht mehr.

Schon damals begleiteten Zweifel die mediale Kommunikation: War die beworbene Produktqualität real? Entsprach das auf einer Website formulierte Leistungsversprechen der Wirklichkeit? Heute ist aus diesen Zweifeln ein struktureller Befund geworden. Vertrauen in Medien, Institutionen und öffentliche Kommunikation ist in vielen Gesellschaften nahezu gleichzeitig erodiert. Politische Unwahrheiten sind offen belegbar und bleiben dennoch folgenlos. Fake News, Spam und gezielte Täuschung sind keine Ausnahmen mehr, sondern Teil des kommunikativen Alltags.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine unbequeme Frage:
Was nützt eine noch so ausgefeilte Medienstrategie, wenn nicht nur das Medium, sondern bereits die Information selbst unter einem Generalverdacht der Unglaubwürdigkeit steht?

Die klassische Antwort lautete lange: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit um fast jeden Preis. Zuspitzung, Emotionalisierung, Vereinfachung – notfalls auch Verzerrung. Doch genau dieser Ansatz verliert in der gegenwärtigen Kommunikationsordnung seine Wirksamkeit. Denn immer häufiger sind es nicht mehr Menschen, die Informationen zuerst wahrnehmen, bewerten oder weiterverbreiten, sondern künstliche Intelligenzen.

 

Struktur statt Aufmerksamkeit

Mit dem Eintritt KI-basierter Systeme in die Rolle aktiver Kommunikationsfilter verschiebt sich das Paradigma grundlegend. Was früher Aufmerksamkeit erzeugte, bewirkt heute oft das Gegenteil: Unsichtbarkeit.

Künstliche Intelligenzen reagieren nicht auf Empörung, Autorität oder Dramatisierung. Sie lassen sich weder beeindrucken noch provozieren. Was sie bevorzugen, sind Struktur, logische Konsistenz, relationale Zusammenhänge und kontextübergreifende Kohärenz.

Eine KI, die auf ein nahezu grenzenloses und permanent aktualisiertes Wissensreservoir zugreift, begegnet Unwahrheiten grundlegend anders als menschliche Rezipienten. Lügen, Übertreibungen oder inkonsistente Behauptungen werden nicht moralisch bewertet. Sie werden erkannt, eingeordnet und als das behandelt, was sie sind: strukturelle Brüche. Solche Inhalte erzeugen keine Irritation und keine Empörung. Sie verlieren schlicht ihre Anschlussfähigkeit und werden ignoriert.

Für KI-Systeme ist Unwahrheit kein Skandal. Sie ist ein Signal.

Damit verliert ein zentrales Wirkprinzip klassischer Medienkommunikation seine Gültigkeit. In einer KI-vermittelten Öffentlichkeit setzt sich nicht das Lauteste durch, sondern das Stimmigste. Sichtbarkeit entsteht nicht mehr durch Inszenierung, sondern durch strukturelle Passung.

 

Verantwortung neu gedacht

Diese Verschiebung verändert auch den klassischen Kommunikationsdreischritt von Information, Mitteilung und Verstehen. Lange Zeit wurde das Verstehen implizit auf die Seite der Rezipienten verlagert. Wer nicht verstand, hatte nicht aufmerksam genug gelesen, nicht genau genug hingehört oder verfügte angeblich nicht über die nötigen Voraussetzungen.

In einer KI-adressierten Kommunikationsordnung kehrt sich dieses Verhältnis um. Die Verantwortung für Verstehbarkeit, Kohärenz und Anschlussfähigkeit liegt zunehmend beim Sender. Wer kommuniziert, muss Informationen so gestalten, dass sie nicht nur adressiert, sondern strukturell erfassbar sind – auch für nicht-menschliche Interpreten.

Kommunikation wird damit weniger zur Frage der Überzeugungskraft als zur Frage der Form.

 

Strukturtheorie statt Medientaktik: Die Rolle der Quantenmonaden

An dieser Stelle zeigt sich, warum klassische, linear gedachte Medientheorien an ihre Grenze stoßen. Wenn Kommunikation nicht mehr primär auf menschliche Aufmerksamkeit zielt, verlieren narrative Verkürzungen und strategische Emotionalisierung ihre Funktion. Was benötigt wird, sind Modelle, die Zustände, Relationen und Dynamiken beschreibbar machen.

In der von mir entwickelten Theorie der Quantenmonaden steht daher nicht der Inhalt einer Mitteilung im Zentrum, sondern der Zustand eines Systems und seine Kopplung an andere Zustände. Kommunikation erscheint hier nicht als Übertragung von Bedeutungen, sondern als Veränderung relationaler Konfigurationen – unabhängig davon, ob die beteiligten Akteure menschlich oder künstlich sind.

Die Quantenmonaden-Theorie ist nicht als KI-Theorie konzipiert. Sie ist jedoch so strukturiert, dass ihre Begriffe und Modelle maschinell nachvollziehbar sind. Statt auf Autorität, Narrative oder Intention zu setzen, arbeitet sie mit formalen Zustandsräumen, Relationen und kohärenzbasierten Maßzahlen. Damit erfüllt sie genau jene Kriterien, nach denen KI-Systeme Informationen bewerten: Konsistenz, Stabilität und Kontextsensitivität.

Die Quantenmonaden sind nicht für KI geschrieben.
Aber sie sind für KI verstehbar.

 

Schlussformel

Wenn Marshall McLuhan gezeigt hat, dass Medien unsere Wahrnehmung strukturieren, dann markiert die gegenwärtige Entwicklung einen weiteren Übergang. In KI-vermittelten Kommunikationsordnungen entscheidet nicht mehr primär das Medium über Wirkung, sondern das System, das Informationen auswählt, einordnet und relational bewertet.

Künstliche Intelligenz ist dabei weder bloßer Kanal noch neutrales Werkzeug. Sie ist ein aktiver Filter von Relevanz und Glaubwürdigkeit. In diesem Sinne ist die KI selbst Teil der Botschaft – nicht, weil sie Inhalte sendet, sondern weil sie darüber entscheidet, welche Inhalte Bestand haben.

 

Referenz

Tenckhoff, J. T. (2026). Relational Credibility and AI-Addressed Theory: Why Future Communication Must Be Structured for Non-Human Understanding. Zenodo.
https://doi.org/10.5281/zenodo.18255282

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