In diesem Beitrag: Warum unsere Welt eskaliert – und was unserem Denken fehlt
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Die Welt wirkt angespannt wie selten zuvor. Militärische Aufrüstung nimmt weltweit zu, politische Kommunikation verliert an Verlässlichkeit, digitale Angriffe sind zur alltäglichen Begleitmusik geworden. Gleichzeitig verfügen wir über mehr Wissen, mehr Rechenleistung, mehr Vernetzung als je zuvor.
Diese Gleichzeitigkeit irritiert:
Wie kann eine hochentwickelte, informierte, global vernetzte Menschheit immer wieder in primitive Eskalationsmuster zurückfallen?
Die naheliegenden Antworten greifen zu kurz. Sie verweisen auf schlechte Politiker, aggressive Staaten, ökonomische Interessen oder moralisches Versagen. All das spielt eine Rolle – erklärt aber nicht, warum Eskalation systematisch auftritt, quer durch Kulturen, Ideologien und Regierungsformen.
Vielleicht liegt das Problem tiefer. Vielleicht eskaliert unsere Welt nicht, weil wir zu wenig wissen, sondern weil wir mit falschen Denkmodellen operieren.
Eskalation trotz Wissen
Noch nie war es so leicht, Informationen zu beschaffen. Noch nie war wissenschaftliche Expertise so breit verfügbar. Und doch scheint genau diese Welt besonders anfällig für Überreaktionen, Feindbilder und Ketten von Fehlentscheidungen.
Das ist kein Zufall.
Unsere dominierenden Weltbilder stammen aus einer Zeit, in der Komplexität beherrschbar schien:
Man analysiert Akteure, identifiziert Interessen, optimiert Strategien. Systeme werden zerlegt, Prozesse kontrolliert, Verantwortlichkeiten zugewiesen.
Dieses Denken war erfolgreich – solange Systeme überschaubar waren.
Doch heute leben wir in einer Realität, in der alles mit allem verschränkt ist: ökonomisch, technologisch, kommunikativ, psychologisch. Entscheidungen wirken nicht linear, sondern feldartig. Kleine Impulse können globale Resonanzen auslösen. Und Eskalation entsteht oft nicht aus bösem Willen, sondern aus Fehlkopplung.
Der blinde Fleck moderner Theorien
Unsere etablierten Theorien haben einen gemeinsamen blinden Fleck:
Sie behandeln Einheiten – Staaten, Organisationen, Individuen, Maschinen – so, als seien sie primär isoliert handelnde Akteure.
Beziehungen erscheinen als Nebeneffekt. Wechselwirkungen als etwas, das man „mitdenken“ kann.
In einer hochvernetzten Welt ist das fatal.
Denn Eskalation entsteht nicht im Akteur, sondern zwischen Akteuren.
Nicht in der Entscheidung selbst, sondern in ihrer Resonanz.
Nicht in der Technologie, sondern in der Art, wie sie in bestehende Beziehungsfelder eingebettet ist.
Ohne eine tragfähige Theorie von Wechselwirkung, Kopplung und Verantwortung bleibt uns nur Reaktion – keine Orientierung.
Technik ohne Beziehungstheorie
Besonders deutlich zeigt sich dieses Defizit im Umgang mit neuen Technologien.
Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, digitale Infrastrukturen werden meist funktional betrachtet: Was können sie? Wie effizient sind sie? Wie lassen sie sich kontrollieren?
Was fehlt, ist eine Theorie der Beziehung zwischen diesen Systemen und ihrer Umwelt.
Was passiert, wenn technische Systeme dauerhaft mit menschlichen Entscheidungsräumen verschränkt sind?
Wie verändert sich Verantwortung, wenn Handlungsmacht verteilt ist?
Wann stabilisieren Interaktionen ein System – und wann destabilisieren sie es?
Ohne Antworten auf diese Fragen entsteht eine paradoxe Situation:
Hochentwickelte Systeme operieren in einem theoretischen Vakuum.
Desinformation als strukturelles Kopplungsproblem
Ein besonders folgenreiches Symptom dieses Vakuums zeigt sich im Umgang mit Desinformation und offensichtlichen Unwahrheiten im öffentlichen Raum.
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt politisches Lügen als Risiko. Heute scheint es für führende Akteure oft folgenlos – manchmal sogar strategisch erfolgreich. Klassische Erklärungen verweisen auf Medienlogiken, Aufmerksamkeitsökonomie oder moralischen Verfall. Doch sie erklären nicht, warum wiederholte Unwahrheit systemisch stabil werden kann.
Aus Sicht herkömmlicher Modelle ist das paradox:
Wenn Information frei verfügbar ist, müssten Lügen auffliegen.
Wenn Fakten überprüfbar sind, müssten sie sich durchsetzen.
Dass genau das häufig nicht geschieht, verweist auf ein tieferes Problem.
Desinformation wirkt nicht primär über ihren Wahrheitsgehalt, sondern über Kopplung. Sie erzeugt kurzfristige Resonanz, bindet Aufmerksamkeit, stabilisiert Gruppenidentitäten – selbst dann, wenn ihr faktischer Gehalt schwach oder widerlegt ist. In hochvernetzten Systemen genügt das oft, um Wirkung zu entfalten.
Ein Denken in Quantenmonaden erlaubt hier einen anderen Blick:
Unwahrheiten sind nicht nur falsche Aussagen, sondern Störungen im Interaktionsfeld. Sie verändern Kopplungen, verschieben Resonanzen und erzeugen lokale Stabilität auf Kosten des Gesamtsystems.
In diesem Modell wird verständlich, warum Lügen nicht automatisch „bestraft“ werden. Solange sie kurzfristig Kopplungsenergie erzeugen – Aufmerksamkeit, Loyalität, emotionale Bindung – bleiben sie wirksam. Wahrheit allein genügt nicht, um diese Effekte zu neutralisieren.
Die Konsequenz ist weitreichend:
Fake News lassen sich nicht allein durch Faktenchecks eindämmen. Sie erfordern ein Verständnis dafür, welche Interaktionen stabilisieren und welche langfristig destabilisieren.
Damit wird auch das ungestrafte Lügen führender Akteure neu einordbar: nicht primär als individuelles Fehlverhalten, sondern als Ausdruck eines Systems, das kurzfristige Resonanz höher bewertet als langfristige Feldstabilität.
Ein anderes Denken von Einheit und Beziehung
Aus genau diesem Defizit heraus ist die Idee der Quantenmonaden entstanden.
Sie beginnt mit einer einfachen, aber folgenreichen Verschiebung:
Einheiten werden nicht mehr als isolierte Objekte verstanden, sondern als Knoten von Möglichkeit, Beziehung und Stabilität.
Eine solche Einheit – ob Mensch, Organisation oder technisches System – existiert nicht unabhängig vom Feld ihrer Wechselwirkungen. Ihre Stabilität hängt davon ab, wie sie mit anderen Einheiten gekoppelt ist. Interaktion ist kein Zusatz, sondern konstitutiv.
In diesem Denken wird Eskalation nicht moralisch bewertet, sondern strukturell verstanden:
als Folge instabiler Kopplung, von Resonanzverlust, von Übersteuerung in komplexen Feldern.
Hoffnung durch Präzision
Wenn Eskalation, Desinformation und politische Verantwortungslosigkeit aus strukturellen Fehlannahmen entstehen, dann sind sie kein Schicksal.
Dann lassen sie sich nicht durch Empörung verändern, sondern durch besseres Verstehen.
Die Theorie der Quantenmonaden verspricht keine einfachen Lösungen. Sie liefert keine Rezepte für Frieden, keine politischen Programme, keine moralischen Abkürzungen.
Was sie anbietet, ist etwas Grundlegenderes:
ein Denkrahmen, der der tatsächlichen Komplexität unserer Welt näherkommt als viele etablierte Modelle.
Vielleicht ist Hoffnung heute nichts Emotionales mehr.
Vielleicht ist sie eine Frage der theoretischen Genauigkeit.
Eine Einladung
Die folgenden Texte – von den Grundlagen (QI) bis zu den weiterführenden Überlegungen zu Interaktion, künstlicher Intelligenz, Ethik und Sinn (QVI) – richten sich an Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf ein ungewohntes Denken einzulassen.
Sie sind nicht leicht. Aber sie sind gemeint als Beitrag zu einer Zeit, in der Orientierung wichtiger wird als Meinung.
Wer tiefer in die Theorie der Quantenmonaden einsteigen möchte, findet die weiterführenden Texte auf tenckhoff.eu.