Cuenca – Wo Stein zu schweben beginnt

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Cuenca ist in vielerlei Hinsicht eine Überraschung.

Hat man die quirlige Neustadt durchquert, beginnt der Aufstieg: Die Straße windet sich in immer enger werdenden Kurven hinauf zu einem Altstadtensemble, das wie selbstverständlich auf einem schmalen Bergkamm ruht. Der Platzmangel macht erfinderisch – und so entstanden die berühmten Casas Colgadas, die hängenden Häuser, die je nach Perspektive frei über dem Tal zu schweben scheinen. Architektur als Balanceakt, zwischen Wagnis und Notwendigkeit.

Zwischen diesen schwebenden Häusern verbirgt sich ein Ort der stillen Konzentration: das Museo de Arte Abstracto Español. In den historischen Räumen der Casas Colgadas entfaltet sich hier die spanische Nachkriegsmoderne. Abstrakte Formen, reduziert und zugleich spannungsvoll, als hätten sie den Mut der Architektur aufgenommen, die sie beherbergt. Kunst, die nicht erklärt, sondern Raum lässt.

Im Herzen der Altstadt, direkt am Rathausplatz, erhebt sich die Catedral de Santa María y San Julián. Ihre farbigen Fenster fangen das Licht ein und lassen es in wechselnden Tönen durch den Innenraum wandern. Farben tasten sich über Säulen, Altäre und Figuren, als wollten sie auf Details aufmerksam machen, die dem flüchtigen Blick entgehen. Manche Skulpturen scheinen für einen Moment Flügel zu bekommen.

Auf der gegenüberliegenden Talseite dominiert das ehemalige Kloster San Pablo, heute der Parador de Cuenca. Es liegt wie eine ruhige Gegenposition zur Altstadt, verbunden durch die filigrane Puente de San Pablo – eine Fußgängerbrücke, die nicht jedermanns Sache ist, schaut man von ihr doch viele Meter in die Tiefe. Höhe relativiert Gewissheiten.

Hoch über allem, mehrere hundert Meter über der Stadt, thront die Christusfigur Cristo del Amparo. Der Weg hinauf ist beschwerlich: ein Kreuzweg, der den Leidensweg nachzeichnet. Oben angekommen blickt Christus nachdenklich auf die darunterliegende Neustadt – Distanz als Form der Fürsorge.

Ein nächtlicher Rundgang durch die engen Gassen verändert Cuenca noch einmal. Zwischen Mauern und Pflaster tauchen plötzlich spiegelnde Wasseroberflächen auf – kleine Brunnen, feuchte Steine, stille Pfützen. Die Laternen verdoppeln sich darin, ihre Lichtstrahlen fallen nicht nur nach unten, sondern scheinen in eine zweite, ruhigere Stadt hinabzureichen. Für einen Moment weiß man nicht mehr, welches Cuenca das wirkliche ist – das aus Stein oder das aus Licht.

Ein paar Gassen weiter, im ehemaligen Convento de las Carmelitas Descalzas, befindet sich die Fundación Antonio Pérez. Das Gebäude bewahrt seine klösterliche Ruhe, während die Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, Fotografie und Objektkunst einen leisen Kontrapunkt setzen. Auch hier wirkt Cuenca wie ein Resonanzraum – Geschichte, Gegenwart und persönliche Wahrnehmung überlagern sich, ohne sich gegenseitig zu verdrängen.

Im Hinterland schließlich, dort wo sich das Tal weitet, begegnet man einer fast unwirklichen Landschaft. Außergewöhnliche Felsformationen wie in der Ciudad Encantada, der verzauberten Stadt, und die Schluchten rund um Huécar und Júcar treten hervor. Wind, Wasser und Eis formten dort über Jahrmillionen bizarre Kalksteinfiguren. Die geradlinigen Strukturen der Zypressen verleihen den Felsen Haltung, als hätten Natur und Ordnung hier einen stillen Pakt geschlossen.

Bild 1: Blaue Stunde: Blick vom ehemaligen Kloster San Pablo über die Puente de San Pablo hinüber zur Altstadt.
Bild 2: Die Brücke in der Blauen Stunde, von der Stadt aus fotografiert, mit dem Kloster darüber.
Bild 3: Spiegelnde Brunnen in der nächtlichen Altstadt von Cuenca – Laternen verdoppeln ihr Licht.
Bild 4: Die hängenden Häuser zur Blauen Stunde – schwebend über dem Tal.
Bild 5: Sonnenstrahlen greifen nach den Fassaden der schwebenden Häuser. Licht als Architekt, der keine Pläne braucht.
Bild 6: Der Dom von Cuenca – ruhend und bestimmend am Rathausplatz.
Bild 7: Innenraum des Doms: Licht hebt Figuren hervor, einer Skulptur scheinen rote Flügel zu wachsen.
Bild 8: Panorama: Das ehemalige Kloster links, das weite Tal in der Mitte, rechts der Berg mit der kleinen Christusfigur auf der Spitze.
Bild 9: Die Christusfigur vollständig, vom Fundament bis zum Kopf, nach oben fotografiert.
Bild 10: Sandsteinformationen im Tal – geformte Zeit.